Innerhalb von drei Monaten haben drei sehr unterschiedliche Lager dieselbe Idee auf den Tisch gelegt: Die Website ist kein Projekt mehr, das man launcht und dann liegen lässt, sondern ein System, an dem permanent gearbeitet wird, und die Arbeit übernehmen zunehmend Agenten. Webflow baut dafür die eigene Plattform um (Source, Agent Presence, MCP 2.1). Ploy, gegründet vom Webflow-Mitgründer Bryant Chou, startet gleich agentenzentriert. Und wer mit Claude Code selbst baut, hat diese Schleife heute schon im Repository. Die Frage ist nicht, welches Lager gewinnt, sondern welcher Weg zu welchem Team passt.
- Webflow hat auf der Webflow Conf am 2. September 2026 Source vorgestellt: eine Plattform, in der Marketer und KI-Agenten direkt am Code arbeiten. Aktuell nur als Research Preview
- Ploy ging im Juni 2026 mit 27 Mio. USD Seed-Finanzierung an den Start. Bestehende Website importieren, neue Seiten im eigenen Design, AEO-Vorschläge, ABM-Seiten, alles agentengetrieben
- Mit Claude Code gebaute Seiten (wie saaswelt.de) sind komplett KI-bearbeitbar, weil alles Code und Markdown ist. Der Preis: kein Dashboard für nicht-technische Kollegen
- Alle drei laufen auf dieselbe Schleife hinaus: Daten, Einschätzung, Aktionsplan, Mensch entscheidet, Umsetzung
- Für DACH-Teams zählt Hosting: Webflow und Ploy speichern primär in den USA, nur der Selbstbau bietet EU-Region ohne Umweg
- Wer Agenten arbeiten lässt, bekommt ein neues Problem: 20 Vorschläge pro Woche müssen von jemandem sortiert werden
Wenn einer der Leute, die Webflow gebaut haben, zwölf Jahre später ein neues Unternehmen gründet und dabei keinen visuellen Website-Builder baut, dann sagt das etwas über die Richtung. Bryant Chou war von 2013 bis 2025 Mitgründer und CTO von Webflow. Im Juni 2026 hat er Ploy aus dem Stealth-Modus geholt, mit 27 Millionen USD Seed-Finanzierung von First Round Capital und Y Combinator. Kein Designer-Canvas, keine Klassen, keine Breakpoints. Stattdessen Agenten, die eine bestehende Website übernehmen und dann daran weiterarbeiten.
Elf Wochen später steht Linda Tong auf der Bühne der Webflow Conf in Boston und sagt sinngemäß, dass sich die Definition von "Builder" erweitert hat: von Designern, Entwicklern und Agenturen hin zu Marketern und jetzt Agenten. Die Antwort darauf heißt Source, eine neue Plattform, in der Agenten direkt am Code arbeiten statt über die visuelle Abstraktionsschicht.
Und dann gibt es noch die dritte Gruppe, zu der ich selbst gehöre: Leute, die ihre Seiten mit Claude Code bauen und pflegen. Keine Plattform, nur ein Repository und ein Agent, der Pull Requests schreibt.
Drei Lager, drei sehr unterschiedliche Produkte. Aber das Zielbild ist bei allen dreien dasselbe.
Die Schleife, auf die alle drei hinauslaufen
Die klassische Website hatte einen Lebenszyklus: Briefing, Design, Bau, Launch, dann monatelang nichts, bis jemand wieder Budget für einen Relaunch findet. Das ist die statische Website, und ihr Ende ist das, was Webflow, Ploy und die Claude-Code-Fraktion gemeinsam ankündigen.
Was stattdessen kommt, ist eine Schleife:
- Daten holen. Analytics, CRM, Search Console, AI-Referrals, Ladezeiten, kaputte Links.
- Lage einschätzen. Wo verliert die Seite Besucher, wo wird der Wettbewerber zitiert und wir nicht, welche Seite hat 404s.
- Aktionsplan. Konkrete Vorschläge, priorisiert.
- Mensch entscheidet. Jemand schaut auf die Liste und sagt ja, nein oder später.
- Umsetzung. Der Agent baut, und was dabei gelernt wurde, fließt in die nächste Runde.
Jede Runde weiß das System ein bisschen mehr über die Seite und darüber, was beim letzten Mal funktioniert hat. Der Input hört nie auf, auch in Wochen, in denen niemand die Seite anfasst.
Wie diese Schleife konkret aussieht, unterscheidet sich zwischen den drei Wegen erheblich. Und genau da wird es für die Entscheidung interessant.
Weg 1: Webflow baut die Plattform um
Webflow hat auf der Conf am 2. September nicht ein Feature vorgestellt, sondern eine Neuausrichtung. Die Liste aus der Keynote:
- Source verbindet Codebase, CMS, Hosting und Martech-Stack in einer gemeinsamen Umgebung. Agenten arbeiten direkt am Code, Menschen über sogenannte Views, die auf ihre Rolle zugeschnitten sind (Site-Building, Campaigns, Content, Optimization). Verfügbar nur als begrenzte Research Preview.
- Agent Presence zeigt auf dem Canvas live, wo ein Agent gerade arbeitet, so wie man es von menschlichen Kollegen kennt. Kommt noch im September für alle Kunden.
- MCP 2.1 erweitert, was Agenten in Claude, ChatGPT oder Cursor in Webflow anstellen dürfen: GSAP-Interaktionen per Prompt, bessere CMS-Abfragen über Custom Fields, und Deploy-Fehler von Webflow Cloud landen direkt bei Claude Code oder Codex, die das Problem beheben und neu deployen. Rollout ebenfalls im September.
- Content-Agenten in Webflow AEO suchen die Themen, bei denen Wettbewerber in KI-Antworten zitiert werden und man selbst nicht, und schreiben dann Briefing und Entwurf direkt ins CMS. Standardmäßig nur für Enterprise-Kunden.
- Campaigns (Beta, ab Oktober kaufbar) und Assets (Beta ab Oktober, basiert auf der Vidoso-Übernahme) zielen auf Performance-Marketer: von Briefing zu Landingpage-Varianten und Ad-Creatives in Stunden.
- Releases erlaubt, eine ganze Site inklusive CMS-Inhalten und Locales zu branchen, um große Launches gemeinsam zu stagen.
Interessant ist eine Zahl aus Webflows eigener AEO-Studie: Von 2.000 analysierten Unternehmen taucht das mittlere Unternehmen in 16 Prozent der KI-Antworten auf, in denen es vorkommen möchte, und wird nur in 6 Prozent davon tatsächlich zitiert. Das ist die Lücke, um die es bei allen drei Wegen geht, und die ich in AEO für SaaS ausführlicher aufgedröselt habe.
Meine Einschätzung: Webflow hat die Richtung erkannt und geht sie konsequent. Aber vieles davon ist Preview, Beta oder Enterprise-only. Wer heute ein Webflow-Konto ab 14 EUR pro Monat hat, bekommt im September Agent Presence und MCP 2.1. Source und die AEO-Agenten sind für die meisten noch Zukunft. Webflow trägt dabei eine Last, die Ploy nicht hat: einen riesigen Bestand an Kunden, Agenturen und Templates, die vom Designer-Canvas leben. Die Plattform muss beides bedienen, und das kostet Zeit.
Hinweis: Wer Webflow bereits nutzt, muss nichts wechseln. Der Weg über den Webflow MCP funktioniert heute schon mit Claude, und mit 2.1 werden CMS-Audits und Interaktionen deutlich brauchbarer. Ausführlich: unsere Webflow-Review.
Weg 2: Ploy denkt die Website vom Agenten her
Ploy hat den Vorteil, ohne Altlasten zu starten. Es gibt keinen Canvas, den man erhalten müsste. Ich habe es mit meiner eigenen Homepage getestet, und der Import war das, was mich am meisten überrascht hat: Die bestehende Seite kommt fast eins zu eins rüber, bei mir waren es geschätzt 95 Prozent. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Ab da geht es weiter, ohne dass man selbst im Editor sitzt:
- Neue Seiten werden im vorhandenen Design-Stil gebaut und bleiben konsistent
- SEO- und AEO-Workflows laufen mit und kommen mit konkreten Vorschlägen zurück
- ABM-Seiten für einzelne Zielkunden lassen sich in Serie erstellen
- Traffic wird beobachtet, Optimierungen werden vorgeschlagen und auf Freigabe umgesetzt
- Je mehr vom eigenen Stack angebunden ist (Analytics, CRM, Ads), desto präziser werden die Vorschläge
Das ist ein wirklich anderer Ansatz. Bei Webflow ist der Agent ein zusätzlicher Kollege auf dem Canvas. Bei Ploy ist der Agent der Betreiber der Seite, und der Mensch ist der Reviewer.
Die Preise sind in USD, das sollte man in DACH gleich einpreisen: Free mit 2.000 Credits, Starter für 50 USD mit 4.000 Credits pro Monat, Pro für 300 USD mit 24.000 Credits sowie HubSpot- und Attio-Anbindung. Salesforce, SOC 2 Type II und SSO gibt es nur im Enterprise-Paket, SSO ist dort noch als "coming soon" markiert. GitHub Code Sync ist in allen Plänen enthalten, was für die Frage weiter unten wichtig wird.
Ploy ist an einigen Stellen noch rau, das darf man bei einem Produkt, das drei Monate aus dem Stealth-Modus ist, erwarten. Bei dem Tempo, in dem sich solche Tools gerade verbessern, würde ich darauf wetten, dass die meisten Ecken in ein paar Monaten weg sind. Was ich nicht erwarte, ist, dass sich die Grundidee ändert. Ploy setzt hier den Trend, und Webflows Source liest sich wie eine Antwort darauf.
Praxis-Tipp: Wer Ploy ausprobieren will, sollte mit dem Import der bestehenden Seite im Free-Plan anfangen und dann eine einzige neue Seite bauen lassen, zum Beispiel eine Landingpage für ein Segment, das man bisher vernachlässigt hat. Daran sieht man innerhalb einer Stunde, ob der Design-Stil gehalten wird und ob die Vorschläge zum eigenen Markt passen.
Weg 3: Selbst gebaut mit Claude Code
Der dritte Weg hat keine Landingpage und keine Seed-Runde. Er sieht so aus: ein Next.js-Repository, Hosting auf Vercel, Inhalte als Markdown-Dateien, und Claude Code als der Agent, der alles davon anfasst.
saaswelt.de läuft seit dem Frühjahr genau so. Ich habe vier Seiten von Webflow auf dieses Setup umgezogen, und die Migration war weniger schmerzhaft als erwartet, weil Claude Code den Großteil erledigt hat: Rebuilds, Content-Übernahme, Redirects. Ein paar Beobachtungen nach einigen Monaten:
- Publishing fühlt sich anders an. Alles ist ein Git-Commit. Ich habe den visuellen Editor eine Weile vermisst, inzwischen nicht mehr.
- Hosting-Kosten sind praktisch bei null. Vier Seiten auf einem Setup statt vier Abos.
- Die Seiten sind vollständig KI-bearbeitbar. Neue Artikel, SEO-Metadaten, Barrierefreiheits-Fixes, FAQ-Schema, llms.txt, Vergleichsseiten aus Tool-Daten: alles über Claude Code, weil es nur Code und Markdown ist. Genau das, was Webflow mit Source erst baut, ist hier der Ausgangszustand.
- Was fehlt: Ich kann die Seite niemandem geben, der nicht mit Git arbeitet. Es gibt kein Dashboard für Kollegen. Für eigene Projekte ist das in Ordnung, für Kundenarbeit ein echter Nachteil.
Die Schleife von oben lässt sich hier ohne Plattform bauen: ein paar Agenten, die nachts Links, 404s, Ladezeiten und Accessibility prüfen und morgens eine kurze Liste hinterlassen. Wie man solche wiederkehrenden Aufgaben in Claude Code verpackt, steht in Claude Code Skills. Kein Interface, keine Lizenz, aber auch niemand, der einem die Prioritäten vorsortiert.
Achtung: Vibe Coding klingt nach zwei Nachmittagen. Der Bau geht tatsächlich schnell, der Betrieb bleibt Arbeit. Dependencies wollen aktualisiert werden, Vercel-Limits müssen im Blick bleiben, und ohne Tests merkt man kaputte Seiten erst, wenn jemand sie meldet. Wer diesen Weg geht, braucht entweder selbst technisches Grundverständnis oder einen Agenten-Setup, der die Wartung mit übernimmt.
Hosting und AVV: was DACH-Teams bei jeder Route prüfen müssen
Alle drei Wege lassen sich DSGVO-konform betreiben. Aber nur einer bietet EU-Hosting ohne Umweg.
| Webflow | Ploy | Next.js + Vercel (Claude Code) | |
|---|---|---|---|
| Primärspeicher | USA (AWS us-east-1), EU-CDN vorhanden | USA (San Francisco) | Frei wählbar, Frankfurt als Region möglich |
| AVV | Verfügbar | Auf Anfrage (legal@ploy.ai) | Verfügbar (Vercel) |
| Transfer-Mechanismus | Standardvertragsklauseln | Standardvertragsklauseln | Entfällt bei EU-Region |
| EU-Unternehmen | Nein | Nein | Vercel: nein, aber Daten bleiben in der EU |
| Einstieg | ab 14 EUR/Monat | Free, dann 50 USD/Monat | Vercel Free/Pro, Anthropic-Abo für Claude Code |
Hinweis für DACH-Nutzer: Bei Ploy fließen nicht nur Website-Daten in die USA, sondern über die Visitor-Enrichment-Funktion auch Besucherdaten und über die CRM-Anbindung Kundendaten. Das ist ein anderes Kaliber als ein Website-Builder mit US-CDN. Vor dem Anschluss von HubSpot oder Attio gehört der AVV unterschrieben und die Datenschutzerklärung angepasst. Für ein Mittelstands-Marketing-Team mit Datenschutzbeauftragtem ist das machbar, aber es ist ein Gespräch, das man vor dem Test führen sollte, nicht danach.
Welche Route für wen
Ich halte nichts von "kommt drauf an" ohne Antwort. Also drei konkrete Fälle:
Marketing-Team mit fünf Leuten in einem SaaS-Unternehmen, kein eigener Entwickler. Webflow. Das Team braucht ein Dashboard, Rollen, ein CMS, das jeder bedienen kann, und eine Agentur, die man anrufen kann. Mit MCP 2.1 und Agent Presence kommt die Agentenarbeit dazu, ohne dass jemand umlernen muss. Source im Auge behalten, aber nicht darauf warten.
Gründer oder Solo-Marketer, der schnell Landingpages und ABM-Seiten braucht und keine Lust auf Editor hat. Ploy. Bestehende Seite importieren, Free-Plan testen, bei Erfolg Starter für 50 USD. Der Agent macht die Arbeit, man selbst reviewt. Vorher den AVV klären, siehe oben.
Solo-Builder oder kleines technisches Team, das ohnehin täglich mit Claude Code arbeitet. Selbst bauen. Die Seite wird zum Teil des eigenen Werkzeugkastens, Hosting kostet fast nichts, EU-Region ist ein Klick, und jede Änderung ist eine Konversation. Sobald jemand ohne Git die Seite pflegen soll, wird es eng, das muss man vorher wissen.
Und die Agentur mit 20 Webflow-Kunden? Bleibt bei Webflow, baut aber jetzt ein MCP-Setup, damit Content-Audits und Interaktionen nicht mehr händisch laufen. Ploy als Zweitangebot für Kunden, die eher Output als Design wollen. Das Thema hatte ich im Juni schon aus der Baukasten-Perspektive in Website-Baukästen unter Druck angeschnitten, damals ging es um Jimdo und Wix. Jetzt trifft es die Premium-Tools selbst.
Was ich noch nicht weiß
Der Schritt "Mensch entscheidet" ist der, den ich am längsten behalten würde. Zum einen, weil ich den Teil gerne mache. Zum anderen, weil ich noch nicht sehe, dass ein System allein gut entscheidet, was auf einer Seite geändert werden sollte.
Wo ich unsicher bin: Wie viel von dem, was diese Agenten vorschlagen, ist nützlich, und wie viel ist Rauschen? Zwanzig Vorschläge pro Woche, und plötzlich ist das Sortieren der Vorschläge selbst der Job. Webflow löst das mit Freigabe-Workflows für Enterprise, Ploy mit Credits, die man nicht unendlich verbrennen will, und im Claude-Code-Setup löst man es gar nicht, außer man baut es selbst.
Das Filtern wird zur Arbeit. Wer das als Erster gut hinbekommt, ob Plattform, Startup oder ein Repository mit ein paar Skills, beantwortet damit eine wichtigere Frage als die nach dem besten Tool.
